Dali Museum III

Meisterwerke. 1948-1970

Zwischen 1948 und 1970 hat Salvador Dali mindestens 18 große Ölgemälde fertiggestellt – seine Meisterwerke. Um als Meisterwerk zu gelten, musste ein Werk Dali mindestens ein Jahr lang intellektuell beschäftigt haben und seine Abmessungen mussten mindestens 150 cm in jede Richtung betragen. Die Fähigkeit des Künstlers, traditionelle Einflüsse mit modernen Ereignissen und Vorstellungen zu verbinden, sowie seine Kraft, neue Konzepte zu entwerfen, erreicht in dieser Periode seinen Höhepunkt. Das Dali Museum besitzt sechs dieser Werke.

 

Nature Morte Vivante – 1956

(Lebhaftes Stilleben). Dieses Gemälde ist Dalis sechstes Meisterwerk und das erste, mit dem er die religiöse Thematik verließ, mit der er sich seit 1950 in seinen Gemälden befasst hatte. Er selbst bezeichnet dies ein erklärendes Gemälde, weil es die Einteilung einer Obstschale darstellt. Der sich wendende Kompottier und der botanische Blumenkohl bilden eine Spirale. Seiner fast besessenen Vorliebe für Spiralen liegen Vorläufer zugrunde, die sowohl dem Bereich des Lebens (erkennbar in dem Blumenkohl und in dem Rhinozerushorn) als auch der Architektur entstammen. Dali war eingenommen von der Spirale und sagte schon in den 40er Jahren voraus, dass sie die letzte Grundlage des Lebens verkörpere. Dies hat sich als wahr erwiesen, als Crick und Watson 1953 die spiralenförmige Struktur des DNA-Moleküls entdeckten. Das gesamte Werk ist auf ein mathematisches Raster, basierend auf dem goldenen Schnitt, aufgebaut. Die Anordnung von so verschiedenen Elementen gefällt dem Auge auf Grund der perfekten Symmetrie.

Velazquez Painting the Infanta Margarita with the Lights and Shadows of his own Glory -1958 (Velazquez beim Malen der Infanta Margarita mit Licht und Schatten seines eigenen Ruhms). Dali malte diese Interpretation der Infanta, während er sich mit dem bevorstehenden 300. Todestag des großen spanischen Malers Velazquez befasste. Die durchweg spanische Thematik des Werks verband er mit der modernen, atomar-mystischen, zerlegenden Technik der 50er Jahre. Das Gesicht der Infanta entwickelt sich aus seiner Besessenheit von der Spiralenform des Rhinozeroshorns. Dali behauptete in diesem Werk kleine Mengen von "Anti-Materie" verwendet zu haben, die sich in der Blume in Infantas Hand zeigen. Die Ansicht der Galerie in der linken oberen Ecke erinnert an ein Werk von T. Breughel (1560-1625). Der Versuch, die alten Meister und wissenschaftliche Einflüsse in einem Werk zu verbinden, ist typisch für Dali in dieser Periode. Je mehr die Thematik sein Heimatland berührt, um so heller leuchtet seine Inspiration.

The Discovery ofAmerica bv Christopher Columbus -1958 wurde Dali beauftragt, die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus zu malen. Als er dieses Werk in Angriff nahm, waren Spanien und seine führenden Künstler tief bewegt von dem bevorstehenden 300. Todestag des großen spanischen Malers Velazquez (gest. 1660). Den Anstoß zu diesem Gemälde empfing Dali von dem Werk The Surrender of Breda von Velazquez. Die Lanzen, die auf der rechten Seite jenes Gemäldes dominieren, erscheinen wieder in Dalis Kolumbus. Er verwandte diese Lanzen als wären sie Linien einer Fotogravur; ein Christusbild erscheint in diesen Lanzen. Dieses Christusbild entstammt aus seinem eigenen Gemälde "Der Christus des heiligen Johannes vom Kreuz. ‘ Das Bild war inspiriert durch einen kosmischen Traum und durch eine Skizze des mittelalterlichen Mystikers Johannes vom Kreuz. Das Erschemen von Gala in dem Banner von Kolumbus und Dalis eigenes Erscheinen als knieender Mönch, ist ein Tribut an die Frau, der Dali seine Eroberung Amerikas verdankt. Die einzelne große Fliege unten links erinnert an die alte katalonische Legende von den Viehbremsen, die auf wundersame Weise aus dem Grab des hl. Narzissus hervorkamen, um Spanien zu beschützen und die französische Invasion in die Flucht schlugen. Das Einbeziehen dieser katalonischen Legende gibt dem Gemälde ein Hauptmotiv: Dalis These, dass Kolumbus selbst ein Katalonier, geboren in Gerona, war. Er dehnte die historische Bedeutung des Gemäldes durch den rätselhaften Seeigel im Vordergrund weiter aus. Dali erklärte Herrn und Frau Morse, dass sie dessen Bedeutung später erkennen würden. Eines Tages, im Sommer 1971 bemerkte Eleanor Morse, Dali hätte damit beabsichtigt, Armstrongs ersten Fußtritt auf dem Mond symbolisch anzudeuten – mehr als ein Jahrzehnt bevor es Wirklichkeit wurde!

The Ecumenical Council -1960 (Ökumenischer Rat). Hier zeigt sich Dalis Ansicht, dass Religion und Wissenschaft ohne surrealistische Widersprüche nebeneinander bestehen können. Gleichzeitig wird Papst Johannes XXIII für seine Bemühungen, die Kirchen durch den ökumenischen Rat zu vereinigen, geehrt. Die Krönung von Papst Johannes XXIII ist auf vier verschiedene Weisen dargestellt: dreimal in der Mitte und einmal in der rechten oberen Ecke, wo das Bild erzeugt wurde, indem der Künstler den Saugarm eines Seepolypen gegen die Leinwand drückte. Die Struktur des Gemäldes wird durch ein fast vollkommenes "X" gebildet, das die Trinität symbolisiert. Im oberen Viertel verdeckt die ausgestreckte Hand Gottes, des Vaters, dem Menschen den Blick auf sein Gesicht. Dalis ständiges Befangensein mit molekularen Partikeln zeigt sich auf der linken Seite in den Zick-Zack-Elementen, die er verwandte, um Christus, den Sohn, darzustellen. Wieder verbindet Dali Religion und Wissenschaft, indem er Elemente der Schöpfung gebraucht, um den Schöpfer darzustellen. Die dritte Person der Trinität, der Heilige Geist, wird durch die Taube und die geist-ähnliche Gestalt dargestellt. Gala ist in derselben Pose dargstellt, in der sie schon in St. Helena of Port Lligat erscheint.

Galacidalacidesoxiribunucleicacid -1963. In diesem Meisterwerk konzentriert sich Dali auf das religiöse Thema der ‘Auferstehung’, um sein Interesse an moderner Wissenchaft und sein Bewusstsein zeitgenössischer Ereignisse auszudrücken. Der Titel des Werkes bezieht sich auf die Entdeckung des DNA- Moleküls durch Crick und Watson im Jahre 1953. Das DNA-Molekül mit seiner spiralförmigen Gestalt ist die Grundform des Lebens. Dali sprach in den frühen 50er Jahren oftmals von der Verbindung zwischen Spiralformen und dem Leben, noch bevor das DNA-Molekül entdeckt war! Der Anstoß zu diesem Werk kam durch eine tragische Springflut im Westen Barcelonas in September 1962. Diese Flut des Rio Llobregat kostete 450 Menschen das Leben und war eine der schlimmsten Naturkatastrophen in Spaniens moderner Geschichte. Die überflutete Landschaft ist im Zentrum der Leinwand dargestellt. Dali verwandte das ‘Auferstehungs’-Thema, um durch die Andeutung der Wiedergeburt den katalanischen Opfern Trost zuzusprechen. Das zyklische Thema von Geburt-Tod-Wiedergeburt wird durch die kontrastierenden Formen auf den linken und rechten Seiten des Gemäldes verstärkt. Auf der Rechten ein kubisches Gebilde, das einem Mineralmolekül ähnelt und aus Arabern zusammengesetzt ist, jede Person ein Gewehr auf seinen Nachbarn richtend. Es ist das Molekül der Selbstvernichtung. Demgegenüber enthält die linke Seite eine Struktur des DNA-Moleküls. Dieses Gebilde enthält den genetischen Schlüssel des Lebens und hat die Gestalt der spiralförmigen Doppelhelix. Auf diese Weise kontrastiert die Lebensspirale mit den Todeswürfeln. Gottes Auferstehung seines Sohnes im Zentrum des Bildes ist der Schlüssel zur Hoffnung, den Dali den katalanischen Opfern bietet.

Hallucinogenic Toreador -1969-70 (Der halluzinöse Torrero). Dali kam die Idee für dieses Gemälde 1969 in einem Geschäft für Künstlerbedarf. Er sah das Gesicht eines Torreros in dem Körper einer Venus, die auf einer Schachtel von Venus-Bleistiften dargestellt war. In diesem Doppelbild, wiederholt sich das Bild der "Venus von Milo" mehrere Male, so dass die Schatten am Körper der Venus die Gesichtsteile des Torreros bilden. Am besten beginnt man mit dem grünen Rock: es ist die Krawatte eines Mannes. Der weiße Rock wird zu seinem Hemd. Nun folgt man der Gestalt nach oben. Ihr Unterleib wird sein Kinn, ihr Bauch sein Mund und ihre linke Brust ist seine Nase. Der rosarote Bogen bildet den oberen Rand seines Kopfes und die Arena den oberen Rand seines Hutes. Die Träne im Auge (der Nacken der Venus) fließt für den Stier. Der rote Rock der ersten Venus ist sein rotes Tuch. Der Torrero erscheint noch einmal in der gelb umrissenen Gestalt, diesmal mit erhobenen Armen bei der Übergabe des Stieres an Gala, die oben links erscheint, umgeben von Gelb. Dali malte Gala mit einem finsteren Blick, weil sie keine Stierkämpfe mag. Das Bild eines sterbenden Stieres erscheint in dem felsigen Gelände von Kap Creus, das man gerade unterhalb des roten Tuches erkennen kann. Eine große Fliege stellt das Auge dar. Was auf den ersten Blick wie eine Blutlache unter dem sterbenden Stier aussieht, ist in Wirklichkeit eine halbdurchsichtige Bucht. In dieser Bucht kann man eine Frau in einem gelben Boot ausmachen. Die scheinbare Ungereimtheit symbolisiert die "moderne Touristen-Invasion, die nicht einmal die Fliegen des hl. Narzissus aufhalten konnten!" Dali bemerkte einmal, dass er nicht all zu sehr besorgt wäre über die Entweihung seines geliebten Kap Creus, weil die Felsen "schließlich doch die französischen Touristen besiegen werden und Zeit den Unrat, den sie überall zurücklassen, beseitigen würde." Und, um die Geschichte von Dali’s Spanien zu vollenden, der kleine Junge in der Ecke, mit dem Reif und dem fossilen Knochen in der Hand, ist Dali selbst in seiner bekannten Seemannskleidung.

 

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